emnid-Studie: Die deutsche Internet-Teilung
(Juni 2002)
- Internet-Nutzung liegt hinter den Erwartungen
- Anteil der Nutzungsplaner gegenüber 2001 rückläufig
- Immer noch jeder zweite Deutsche offline
Informations- und Dienstleistungsangebote im Internet werden von immer mehr Menschen in
Deutschland genutzt. Bis Mai 2002 gibt es 26,7 Millionen deutsche Internet-Nutzer über 14
Jahren. Das sind rund drei Millionen mehr als im vergangenen Jahr. Der Zugang zum Internet
ist dagegen jedem zweiten Bundesbürger verwehrt. Besonders sozial Schwächeren, Personen
mit niedrigerem Bildungsstand oder älteren Menschen bleibt die Welt des Internets
verschlossen.
Was mit drei Millionen neuen Internet-Nutzern zunächst viel erscheint, liegt jedoch
hinter den Erwartungen zurück: 2001 planten 10,4 Prozent der über 14-Jährigen die
Anschaffung eines Internetzugangs. Weniger als die Hälfte von ihnen haben ihr Vorhaben
auch in die Tat umgesetzt. Bis Mai 2002 ging der Anteil der Nutzungsplaner auf nur noch
8,2 Prozent zurück. Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung (50,1 Prozent) nutzt
das Medium Internet nach wie vor nicht und plant auch nicht seine Anschaffung. Das sind
die Kernergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen telefonischen Umfrage, die
eMind@emnid in Kooperation mit der Initiative D21 durchgeführt hat. eMind@emnid, die
Internetforschung von TNS EMNID, befragte über 30.000 Personen im Alter ab 14 Jahren nach
deren Nutzung bzw. Nicht-Nutzung des Internets.
Beschreiben Atlanten unsere Welt, behandelt der von eMind@emnid, der Internetforschung
von TNS EMNID, und der Initiative D21 vorgelegte (N)ONLINER Atlas 2002 in diesem Jahr
bereits zum zweiten Mal die Welt der Nutzer des Internets und derer, die sich WWW, E-Mail
und Chat bislang noch nicht erschlossen haben.
Der Blick auf das andere Ufer des digitalen Grabens zeigt, dass Offliner, also
Nichtnutzer des Internets ohne Beschaffungsabsichten, deutlich älter und überwiegend
weiblich sind, über ein formal niedriges Bildungsniveau und ein deutlich niedrigeres
Einkommen verfügen. Offliner finden sich überwiegend in ländlichen Gebieten und
vorwiegend in den neuen Bundesländern. Verfügen in den westlichen Bundesländern 43
Prozent über einen Internetanschluss, sind es in Ostdeutschland hingegen nur 37 Prozent.
"Die digitale Spaltung ist kein rein gesellschaftliches Problem. Der hohe Anteil
der Internet-Abstinenzler in der Bevölkerung stellt vielmehr ein Hindernis auf dem Weg zu
wirtschaftlichem Wachstum und einer Verringerung der Arbeitslosigkeit in diesem Land dar.
Dem müssen Politik und Wirtschaft gemeinsam entgegenwirken", fordert Erwin Staudt,
Vorsitzender der Initiative D21 und IBM-Chef Deutschland.
Geographisch verläuft die digitale Spaltung jedoch nicht nur zwischen Ost und West.
Innerhalb der alten Bundesländer existiert eine Spaltung zwischen einem Band hoher
Internetnutzung, das sich von Schleswig-Holstein bis Bayern durch die Mitte Deutschlands
zieht, gegenüber einer Zone mit stärkerer Offline-Neigung in den drei westlichsten
Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland.
Dabei besteht zwischen der Soziodemographie und der Topographie der Online-Nutzer ein
enger Zusammenhang: In den Regionen Deutschlands, in denen allgemein wenig internetaffine
Personengruppen, wie Frauen, Personen mit niedrigem Bildungsabschluss oder ältere
Menschen, überdurchschnittlich häufig online sind, ist der Gesamtanteil der Onliner
überdurchschnittlich hoch.
Onliner und Offliner unterscheiden sich allerdings nicht nur durch ihre
Soziodemographie, sondern auch durch ihre Werteeinstellung. Mit der semiometrischen
Analyse wurden die Wertestrukturen der beiden Gruppen ermittelt, die eine erweiterte,
psychographische Gruppenbeschreibung ermöglicht. Offliner sind nach der Semiometrie(r)
sehr stark traditionell, eher sozial und materiell eingestellt. Familie und Religion haben
für sie einen höheren Stellenwert als für Onliner. Onliner sind im Gegenzug stark lust-
und erlebnisorientiert sowie kämpferisch eingestellt.
"Die Semiometrie kann bei der Motivsuche der Offliner von entscheidender Bedeutung
sein. Insbesondere qualitative Werte, die mit der semiometrischen Analyse ermittelt
werden, sind künftig gefragt, wenn es darum geht, gerade diese Zielgruppe anzusprechen,
damit mehr Menschen künftig online gehen," sagt Hartmut Scheffler, Managing Director
von TNS EMNID.
Gründe für die fehlende Internetnutzung sind vor allem die Kosten, die Technik,
fehlende Anleitung und die wenig zielgruppenspezifische Aufbereitung von Inhalten.
"Neben dem Graben zwischen Onlinern und Offlinern droht die neueste Zugangs- und
Verbindungstechnologie DSL auch die Onliner unter sich zu spalten," so Nina Fluck,
Projektleiterin (N)ONLINER Atlas 2002 bei eMind@emnid. Hohe Anschaffungs- und
Nutzungskosten und eine nicht flächendeckende Verfügbarkeit schränken den Kreis der
DSL-Nutzer überwiegend auf besserverdienende Großstadtbewohner in den alten
Bundesländern ein. Die Verbindungsgeschwindigkeit hat einen wesentlichen Einfluss auf das
gesamte Nutzungsverhalten. So sind Breitbandnutzer wesentlich häufiger und länger im
Internet.
Der (N)ONLINER Atlas 2002 weist ebenfalls aus, dass in einigen Bundesländern der
Offliner-Anteil unter der Bevölkerung wieder wächst, statt kontinuierlich zu sinken. War
Berlin noch im vergangenen Jahr mit 45 Prozent die Hochburg der Internetnutzer, und ließ
der hohe Anteil von Anschaffungsplanern starke Zuwächse erwarten, ist das Gegenteil
eingetreten: Der Anteil der Nicht-Nutzer ist in Berlin um nahezu sechs Prozentpunkte
gestiegen. Abgelöst wird die Bundeshauptstadt von der Finanzmetropole Frankfurt am Main,
wo 53 Prozent online sind, gefolgt von Dresden und Stuttgart mit jeweils 51 Prozent sowie
München mit 50 Prozent. Bei den Offliner-Städten führt Dortmund mit 58 Prozent die Top
Ten an, gefolgt von Leipzig mit 56 Prozent und Essen mit 53 Prozent Offlinern.
E-Government zu forcieren, stößt bei den Bundesbürgern auf große Sympathien: Für
87 Prozent sind virtuelle Rathäuser von Städten und Gemeinden attraktiv bis sehr
attraktiv. "Bis zum Jahr 2005 plant die Bundesregierung, alle internetfähigen
Dienstleistungen von Verwaltung und Behörden online zugänglich zu machen. Die hohe
Zustimmung beweist, dass die Bürger elektronische Behördenkontakte spätestens zu diesem
Zeitpunkt auch erwarten," sagt Frank Wagner, Sales Director von eMind@emnid.
Der "(N)ONLINER Atlas 2002" ist eine gemeinsame Untersuchung von eMind@emnid
und der Initiative D21 mit freundlicher Unterstützung von AOL Deutschland, ComMunic,
NetValue Deutschland und politik-digital.de.
siehe auch:

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